März (I)
Lara und Bill

Tokomaru Bay – Auckland: von der zweiten Heimat in die Großstadt

Tränen in den Augen. Ein Kloß im Hals. Und ein Gedanke im Kopf: wann werden wir uns wiedersehen? Der Abschied von unseren Freunden in Toko fällt schwer...als Familienmitglieder aufgenommen, als seelenverwandt gefühlt, wollen wir keine 20000 Kilometer zwischen uns bringen. Es gibt doch Emails, Telefone, Faxe! Und doch fühlt sich eine Umarmung per Email so an, wie ein Kochbuchrezept ohne Fotos im Gegensatz zu dem Genuss, den Düften und der Augenweide desselben leibhaftigen Gerichts. Ergo: demnächst nur noch Urlaub in Deutschland!? So steht uns nun einen Reigen von Abschieden bevor. Der nächste in Gisborne. Dort nächtigen wir noch einmal bei Bills Schwester Lorna und Gatten Trevor bevor wir weiter gen Auckland reisen. Zunächst per Bus zurück nach Whakatane, wo unsere Räder auf uns warten. Für den nächsten Morgen war die Non-Stop-Busfahrt nach Auckland geplant, doch es sollte alles anders kommen... Die Mitnahme von Rädern in Bussen hängt jeweils vom Gutdünken des Fahrers ab. Fünfmal auf unserer Reise hatten wir unsere Räder problemlos in Busse verfrachtet, doch diesmal war der Bus zu voll, der Fahrer war nicht gewillt, uns mitzunehmen und ließ uns wir wie vertrocknete Pudel in der Sonne stehen. Vollkommen baff sahen wir die Rücklichter des Busses entschwinden. Ein älteres Pärchen, denen wir unser Malheur erzählten, waren äußerst erbost über diesen beispiellos unfreundlichen Neuseeländer...die Alternativen sahen dornig aus: keine der ortsansässigen Autovermietungen hatten etwas Passendes für uns, die Busse waren für die kommenden Tage ausgebucht. So sahen wir uns schon Fahrrad fahren...doch hier begann ein weiteres, wundersames Erlebnis: das ältere Pärchen , dem wir unser Leid geklagt hatten, kam und bot an, uns am folgenden Tage mit nach Auckland zu nehmen. Sie führen sowieso und könnten ihren Anhänger mitnehmen, um unsere Räder und das Gepäck zu transportieren. Phantastisch! So erreichten wir Auckland mit einem Tag Verspätung und der Bereicherung zwei weitere wunderbare Menschen kennengelernt zu haben.

Auckland – das erste Mal richtig!

Fünf Monate, 3000 Fahrrad- und einige Buskilometer, ein Platten und eine herrliche, aufregende und entspannende Reise liegen hinter uns als wir zurück nach Auckland kommen. Die großen Städte hatten es uns in Neuseeland bisher nicht sehr angetan. Glücklicherweise genießen wir in Auckland die Gastfreundschaft von Dee und Ross, deren Domizil einer Oase der Ruhe inmitten einer turbulenten Metropole gleicht. Ross hatte uns schon bei unserer Ankunft in Neuseeland vom Flughafen abgeholt. Bei Ihnen lagerten auch unsere Fahrradkartons. Das Ende unserer Reise wird immer deutlicher. Wehmütig zerlege ich die Räder auf ein kompakteres Packmaß; die schönen Formen und das dynamische Erscheinungsbild wird auf die Formel „rechteckig, praktisch, ungut“ reduziert... Die Jagd nach Souvenirs, ein Museumsbesuch, ein Drachenbootwettkampf , ein Barbershopabend mit Ross' Chor und sogar ein Kinobesuch (der erste und einzige in Neuseeland. Dee & Ross wachen über Laras und Jonas Schlaf) lassen die drei Tage in Auckland schnell vorüberziehen. Stadtmüde freuen wir uns auf die letzte Woche auf der anderen Seite der Erde. Raus aus der Stadt, nach Northland – dem nördlichsten Zipfel der Nordinsel.

...Carrot Cake auf der Queen's Wharf.

Northland

Noch sechs Tage verbleiben uns, in Neuseeland, dort, wo die Sonne im Norden ihre Kreise zieht. Sechs Tage Sommer, sechs in den Tag gelebte Tage, sechs Tage mit dem Mietwagen in Northland. Dee und Ross besitzen eine „Bach“ – der Kiwi-Ausdruck für Wochenendhaus – in Taupo Bay, 300 km nördlich von Auckland an der Pazifikküste. Ursprünglich waren baches einfache Hütten inmitten der Natur; heute wird der Ausdruck in weiterem Sinne verwendet, so dass selbst Luxusvillen liebevoll als bach bezeichnet werden. Des Neuseeländers Understatement und immer ist damit die Lust verbunden, zusammen mit den Mates (Kumpels) draußen zu sein, zu fischen, zu grillen... Das wollten wir auch! Und noch meer! So kurvten wir dahin und fühlten uns weit davon entfernt, in Kürze wieder europäischen Boden unter den Füßen zu haben, wieder in der kölschen Heimat zu sein. Saftig grüne Hügel prägen das Bild, Viehweiden (Schafsein ist nicht mehr unvorstellbar.) wechseln sich mit Unkultur- und Regenwald ab. Mal strandet Sand and der Küste, mal fällt diese steil ins Meer oder es ziehen sich Tiedenarme bis weit ins Land. Die Bay of Islands - Northlands touristischer Magnet - verfehlt seine Wirkung auch auf uns nicht. Wir tauschen das Mietauto gegen ein Segelboot ein und lassen uns um die Inseln schippern. Mangels Wind wird die Segel- zwar auch zur Motorbootpartie, doch glücklicherweise müssen wir nicht alle Inseln abklappern, so dass der ruhigere Charakter der Tour erhalten bleibt. Aufregend wird es dann doch noch, als Delphine unser Boot entdeckt haben...aus lethargischen, sich an Deck herumlümmelnden Touristen wird plötzlich ein aufgeschreckter Hornissenschwarm. Die Delphine lassen sich kaum beeindrucken und hüpfen zu unserer Freude aus dem Wasser. Das Surren und Kicken der Kameras wogt zu unerträglichem Lärm auf. Ruhe können wir haben. In Dees und Ross bach in Taupo Bay. Wir beziehen das orangene Zimmer und laben uns an den einfachen Gelüsten des Lebens: Sandburgen bauen, ins Meer hüpfen, in die Ferne auf's Meer schauen, angeln, lecker speisen... Dee und Ross gesellen sich für die letzten drei Tage dazu. So vergehen die letzten drei Tage wie im Fluge.

Die Rückreise: Auckland – Tokio – Frankfurt – Köln

In Zahlen: 23 h reine Flugzeit, 12 h Zeitverschiebung, rund 20000 km, 50 h unterwegs. Nachdem wir uns plus Gepäck per Mietwagen und Taxi zum Flughafen verfrachtet und den Kopf der Schlange am Check-in-Schalter erreicht hatten, verändert sich unsere Gesichtsfarbe von gebräunt zu bleich. Die Fahrradkartons sollten gewogen werden...ca. 42 kg! Zulässiges Gewicht eines Einzelgepäckstücks sind 32 kg. Kartons öffnen, Zelt, Werkzeug,...raus, umpacken. Ergebnis: leichtere Kartons und 120 kg Gesamtgewicht. Bei 80 kg erlaubtem Gewicht und 70 $/kg Übergewicht bedeutete dies Zusatzkosten von 2800$...doch die zwei zugedrückten Augen der netten Damen von Japan Airlines ersparten uns diese glücklicherweise. Allerdings nicht die einsetzende Hetze unser Flugzeug noch zu erwischen, denn die Umpackerei hatte unseren Zeitpuffer gefressen und so wurden wir um unseren letzten Kaffee auf neuseeländischem Boden gebracht. Die Flügen warteten mit keinen weiteren Überraschungen auf und verliefen unerwartet entspannt. Faszinierend, wie Lara und Jona sich inzwischen ans Reisen gewöhnt haben... Unser Zwischenstopp in Tokio beinhaltete diesmal sogar eine Übernachtung und ein paar Stunden in Japan, da der Weiterflug nach Frankfurt erst am nächsten Tag erfolgte. In Narita, der Kleinstadt in der Nähe des Tokioter Flughafens bemerken wir verwundert die kahlen Bäume und die fehlenden Farben... Die kristallklare Luft, die schnellen Wetter- und Lichtwechsel, die Reflexionen auf dem Wasser... ließen die Farben in Neuseeland in einer unwirklichen Intensität erstrahlen und verwöhnten uns mit magischen Momenten. Hier wirkte alles grau. Stattdessen strömen seltsame Schriftzeichen auf uns ein. Ungewohnt. Der nächste Morgen. Ebenso ungewohnt überraschen uns Teile des Hotelfrühstücks: Misosuppe, warme Gemüse, Fisch, Reis...Lara und Jona halten sich jedoch konservativ an Marmeladetoasts, Obst und Würstchen. Ausserdem offenbaren sich die ersten Anzeichen des zu erwartenden Jetlags: um fünf Uhr morgens sind wir fit für den Tag. Und der sollte lang werden; gegen späten Nachmittag Ortszeit kommen wir in Frankfurt an, versenden unsere Räder mit der Bahn, steigen selber in den ICE nach Köln und stehen um 20 Uhr wieder auf Kölner Boden. Wir sind wieder da! Fallen den Freunden in die Arme. Reise vorbei. Punkt. Der Körper ist da. Der Geist noch nicht. Bett. Ende.

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...und hier gibt’s noch mehr Bilder.